Die Welt ist voll netter Menschen: über Liebe, Mut, Eigeninitiative und natürlich Musik

© Alvaro Parada

Jazz, das ist nichts für Feiglinge

Altwerden, das ist nichts für Feiglinge – meint Joachim Fuchsberger, Vorbild aus frühen Kindertagen in seinem Buch aus dem Jahr 2010. Der Titel, laut Cathrin Kahlweits Artikel in der Süddeutschen ein Zitat von Schauspielerin Mae West, weckt in mir Assoziationen zu Musik.

Während ich über Improvisation nachdenke, kommt mir der Gedanke: Jazz – auch das ist nichts für Feiglinge.

»Halte Dich nicht damit auf, unausweichliche Realitäten ändern zu wollen«. Und: »Vertraue dem natürlichen Fluss der Dinge«. Oder: »Realität ist immer was Du draus machst«. Ob beim Üben alleine, während einer Probe mit Kollegen, oder öffentlich auf der Bühne: ständig versorgt mich die Musik mit ähnlich nützlichen Ratschlägen. 

Das Risiko, im nächsten Moment zu scheitern bewusst in Kauf zu nehmen erfordert tatsächlich Mut, Authentizität und Aufrichtigkeit. Gleichzeitig entstehen während einer Improvisation gerade aus dem »Scheitern« heraus oft die schönsten Momente. Zu »scheitern« also, was heißt das schon?

Die Welt ist voll netter Menschen: über Liebe, Mut, Eigeninitiative und natürlich Musik

Titel Foto: Alvaro Parada

Oder: »Who is who to say what is what?« So sagt es Jimmy Wormworth, aktiver Schlagzeuger, 80 Jahre jung, mit dem ich diesen Sommer viel Zeit verbracht habe. Dazu später mehr. Jimmy’s Masterclass in Spanien (siehe Titelfoto ©AlvaroParada), inklusive Auszüge aus persönlichen Interviews, ist einen eigenen Beitrag wert. Einen kleinen Vorgeschmack auf diesen humorvollen Gentleman hinterm Schlagzeug gibt der Dokumentarfilm »Through the Eyes of a Drummer«, den der New Yorker Bassist Neal Miner gedreht hat.

Aber warum glauben wir überhaupt an Begriffe wie »scheitern«, wenn das vermeintliche Scheitern ein letztlich unausweichlicher Bestandteil aller Lernvorgänge ist?

Oder mit dem Volksmund gesprochen: »Nur wer wagt, gewinnt«. Bezogen auf Musik trifft das unbedingt zu.

Selbst gestalten: »wählen gehen« nach der Wahl

Die Welt ist voll netter Menschen: über Liebe, Mut, Eigeninitiative und natürlich Musik

Eigeninitiative: das täglich geöffnete Wahllokal

Erfreut nehme ich also wahr, dass wir uns zunehmend mehr zutrauen, und eigeninitiativ Lebensräume gestalten: Kathrin Magno näht leidenschaftlich gerne, entwirft phantasievolle (Kinder-) Kleidung und eröffnet »Mondomagnifici«. Musiker organisieren eigene Konzertreihen (s.a. Spielorte in Köln), spielen auf der Straße oder geben Konzerte zuhause. Stefanie Mohsennia kündigt ihren Beamtenjob und schreibt gemeinsam mit anderen »Freilernern«, Familien, deren Kinder nicht zur Schule gehen das Buch »Wir sind so frei«. Sie hält europaweit Vorträge und hilft Menschen als Lehrerin für Alexandertechnik. Oder Marc Antonius Dominick: kündigt »einfach« seinen Job als Manager, um – aus Überzeugung – die Plattform »Spread Your Talent« zu gründen, und Musiker zu unterstützen und zu beraten.

Die Welt ist voll netter Menschen: über Liebe, Mut, Eigeninitiative und natürlich Musik

Kathrin Magnos‘ »Mondomagnifici«

Menschen, die einfach und unabhängiger leben möchten organisieren sich neu und anders, »bezahlen« sich gegenseitig durch den Austausch von Leistungen, oder entwickeln regionale Währungen. Übrigens spannend zu lesen: »Das Experiment von Wörgl« – Wege aus der Wirtschaftskrise durch Eigeninitiative.

Immer mehr Menschen entscheiden sich, täglich »wählen zu gehen«, statt sich darauf zu beschränken, alle 4 Jahre ein Kreuzchen dem Papier zu machen. Sie nutzen aktiv die Chance, ihr eigenes Leben bewusst zu gestalten.

Im Jazz nehme ich diese Strömung deutlich wahr. Zum einen beobachte ich das zunehmende Interesse einer ständig wachsenden Anzahl Neugieriger, die sich, einmal damit in Kontakt gekommen, nachhaltig von lebendiger Musik anstecken lassen. Zum anderen nutzen immer mehr junge Musiker die, wie es Prof. Dieter Manderscheid (MUHO Köln) während einer Podiumsdiskussion der Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) treffend ausdrückt, »Unschärfe des Begriffs Jazz, um damit zu verbinden ‚wir wollen unsere eigene Musik machen‘.«

Die Welt ist voll netter Menschen: über Liebe, Mut, Eigeninitiative und natürlich Musik

Begriffsunschärfe Jazz: »wir machen unsere eigene Musik«

Seit Anfang des Jahres haben sich öfter Sessions, Treffs, bei denen Musiker zwanglos zusammen spielen und sich austauschen, mit genau solchen Musikern aus dem Umfeld der Musikhochschule ergeben. Sehr schön. Unter anderem resultiert daraus ein Konzerttermin:

Ich freue mich darauf, diesen Monat im »Greesberger« ein Quartett vorzustellen, direktes Resultat solcher Sessions. Ich bin sicher, Konzertbesucher können im Greesberger eine kreative, ansteckend lebendige Atmosphäre erleben. Zu diesem Konzert gleich mehr.

Der 2015 verstorbene Pianist John Taylor, musikalisch bedeutsamer Ziehvater vieler Musiker meiner Generation, hat immer gerne davon gesprochen, wie sehr ihn seine Hochschularbeit, die Begegnung mit nachkommenden Generationen inspiriert. Hier der Ausschnitt eines unvergesslichen Abends mit John Taylor live @ Klaeng Festival Köln. Die im Video zu hörende Komposition ist allerdings nicht (wie angegeben) »Pure & Simple« (by John Taylor), sondern Irving Berlins »How deep is the Ocean«, eines der Stücke die John immer wieder gespielt hat.

Aus erster Hand zu erfahren, was nachkommende Generationen denken, welche Erfahrungen und Einflüsse sie mitbringen, wie sie die Welt sehen, und was sie darin verändern möchten und wie – das hat auch mich schon immer interessiert. Allerdings fange ich vermutlich erst an das wirkliche Potential solcher Begegnungen zu verstehen, und warum John bei jeder Gelegenheit so bewusst dafür geworben hat. Inzwischen selbst um ein paar Erfahrungen reicher, wertschätze ich den Austausch zwischen den Generationen älter wie jünger immer mehr.

Konzert »Jazz im Greesberger« (Köln) 23.10. | 20 h

Montag, den 23.10.2017 um 20 h spielen wir in der von Studenten der Musikhochschule kuratierten Reihe »Jazz im Greesberger«. »Wir«, das ist genauer gesagt eine drei-Musikergenerationen-Band.

Mit dem Saxofonisten Sven Decker, Jahrgang 1979, wollte ich schon länger mal zusammen spielen. Das Greesberger Konzert ist ein schöne Gelegenheit. Ein vielseitiger, wunderbarer Musiker an Tenor Saxofon, Klarinette und Bassklarinette. Zu Sven Deckers Webseite geht es hier. Außerdem dabei: die jungen Kollegen Jannis Sicker (git) und Conrad Noll (b), beide Studenten der Musikhochschule Köln. Prädikat hörenswert! Hier findest Du die Veranstaltung und weitere Infos auf Facebook.

»Widmungen«: die Welt braucht aktuell etwas Schönes?

Die Welt ist voll netter Menschen: über Liebe, Mut, Eigeninitiative und natürlich Musik

Video »komponieren auf Vaters Gitarre«

Musikalische »Widmungen« sind oft persönlich vergebene »Ehrennadeln«, Verneigungen gegenüber musikalischen Vorbildern und anderen Menschen, denen sich ein Musiker besonders verbunden fühlt. Ich habe mir solche musikalischen Liebeserklärungen zum Thema gemacht und arbeite aktuell an einem Programm mit solchen Widmungen, neue Kompositionen, die wir an diesem Abend uraufführen werden.

Diese Arbeit ist von einem Bedürfnis nach Harmonie und Schlichtheit begleitet und dem Gefühl, die Welt braucht gerade was »Schönes«. Zu hören sind »Widmungen« an John Taylor, Michael Jackson und den erst im August verstorbenen Gitarristen John Abercrombie. Neugierigen und Abercrombie-Fans lege ich dieses wunderbare Interview mit John Abercrombie aus dem Jahr 2014 ans Herz: viele informative Einblicke in die (Musik-) Geschichte der letzten 50 Jahre, authentisch und offenherzig erzählt. Einen kleinen Vorgeschmack auf das Programm hier in diesem Video: »Johna«,  »Writing Music From My Father’s Old Guitar«. Für weitere Ohrenerfrischung sorgen frisch zubereitete Standardbearbeitungen und Eigenkompositionen von weiteren Bandmitgliedern.

Also: Es wird schön! Danke dem »Greesberger« und Organisator Fabian Dudek für die Einladung!

Spielorte in Köln: »Modell Bürgerinitiative«

In den letzten Jahren ist oft die Rede von der Jazz Stadt Köln. Es fühlt sich gut an, Teil einer tatsächlich unglaublich vielseitigen, vitalen Szene kreativer Musiker, Veranstalter, Fans und anderer Künstler zu sein.

Mittlerweile gibt es neben den etablierten Konzertorten wie »Loft«»Stadtgarten«»Altes Pfandhaus« und »Kölner Philharmonie« eine Vielzahl an Veranstaltungsreihen in nahezu allen Stadtteilen. Bürgerinitiativen sozusagen, initiiert, organisiert und kuratiert von engagierten Hobby- und Profimusikern, Gruppen, Künstlerinitiativen – mit Unterstützung von Kölner Kneipiers und Clubbesitzern. Dazu gehören das »Roxy«»ABS«»Artheater«»Subway«»Greesberger«»Heimathirsch« und »Salon de Jazz«, um spontan einige zu nennen.

Gleichzeitig beobachte ich, dass die eigene Intuition vielen potentiell kulturinteressierten Menschen nach einem vollgepackten (Arbeits-) Tag eher zu einem Buch, einem Yoga Kursus, oder zu Stille und Nichtstun rät. Diese inneren Ratschläge in dem Moment zu befolgen, ist sicher richtig.

Schillers »Tochter der Freiheit« – Kunst, das Vitamin C die Seele!

Die Welt ist voll netter Menschen: über Liebe, Mut, Eigeninitiative und natürlich MusikGesprächen entnehme ich allerdings, dass selbst bei erfolgreicher Entspannung oft ein gewisses Hungergefühl nach Kultur zurückbleibt, und sei es nur das Bedürfnis nach Abwechslung, Anregung, etwas Neuem – nach einer Umgebung die einfach »anders« ist.

Hunger nach kleinen Kurzurlauben für Seele und Geist, ähnlich anregend wie der Aufenthalt in einem fremden Land oder einer fremden Stadt. »Reisen bildet«, auch mentales Reisen. Mehr noch: Inspiration ist das Vitamin C für Seele und Geist, im wahrsten Sinne des Wortes. Lateinisch Vita, das Leben.

Auch wenn an den oben genannten Veranstaltungsorten durchweg Musik auf höchstem Niveau geboten wird, muss es nicht immer »große Kunst«, und auch nicht »Jazz« sein. Wohl aber hat die Natur es so eingerichtet dass die Voraussetzung für vollständige Gesundheit natürlich belassene Nahrung ist, auch, und vor allem auf geistiger Ebene. 

Etwas in uns liebt den besonderen Geschmack des Selbstgemachten, des Anderen. Wir brauchen ein bisschen Aufregung. Wir benötigen ein gewisses Maß an kreativer Unordnung, etwas, das unserer kleines, selbst kreiertes Weltbild gelegentlich hinterfragt und uns ermöglicht, Schwachstellen zu erkennen und Korrekturen vorzunehmen. Wir brauchen den Kontakt zu Menschen die für etwas »brennen«, um uns daran zu erinnern, wofür wir »brennen«.

Wir brauchen dazu (Frei-) Räume, in denen wir uns zwanglos bewegen, unkonventionell denken können und die uns gleichzeitig herausfordern.

»Denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Notwendigkeit der Geister, nicht von der Notdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen.«

Friedrich von Schiller

»Spielplätze« wie die oben genannten sind nicht, wie häufig suggeriert, lediglich relevant für die Musiker selbst, und vielleicht ein paar verlorene Nachtschwärmer. Sie sind der Humus einer ganzen Szene, deren Potential bis weit über seine Grenzen hinausstrahlt: im Falle Köln beispielsweise in Form der vielen Musiker, die täglich »ausschwärmen« um an Schulen, Musikschulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen zu unterrichten oder landesweit Konzerte zu geben.  

Do it yourself: »Welt verändern leicht gemacht«

Die Welt ist voll netter Menschen: über Liebe, Mut, Eigeninitiative und natürlich MusikIch bin sicher, solche (möglichen) Orte gibt es nicht nur in Köln, und man muss gar nicht immer erst zu ihnen hin, um ihr Potential für sich zu nutzen. Überall lassen sich Orte für Kunst einrichten: Kunst braucht nicht viel. Den kaum genutzten Gemeindesaal, das leerstehende Geschäftslokal oder einfach das eigene Wohnzimmer – ein Konzert, eine Lesung, ein Vortag, eine Klangmassage, eine kleine Ausstellung … .

Einen Ort, an dem man sich trifft und gegenseitig inspiriert – dazu braucht es nur ein paar Menschen, die es einfach tun. Wie wärs?

Initiiere und veranstalte selbst etwas, lade Musiker / Künstler ein! Ich helfe gerne mit Informationen und Kontakten, oder Du wendest Dich einfach direkt an die Kuratoren eines der o.g. Veranstaltungsorte.

Für die Idee »lebendiger Underground selbst kreiert« möchte ich explizit werben, und Unentschlossene ermutigen, es einfach mal zu versuchen. Zum täglichen Wählen gehören auch Entscheidungen wie »Fernbedienung versus Leben live«, oder »Online Freunde versus Zeit mit lebendigen Menschen«. Und: Kultur, sprich andere zu inspirieren, ist immer eine gute Wahl und in vielfacher Weise lohnend.

Eine Welt voll netter Menschen: Praktische Hilfen für den Alltag

In Sachen »Eigeninitiative« und »Welt verändern« hat Nick Ruffini von Drummer’s Ressource ein paar ganz einfach zu realisierende Tipps für den Alltag parat. Folgende Anregungen aus seinem letzten Newsletter gebe ich hier gerne weiter:

1. Call your friends and family and tell them you love them. Life is short and precious. (Ruf Deine Freunde und Familie an und sage ihnen dass Du sie liebst. Das Leben ist kurz und kostbar.)

2. Never miss the opportunity to tell someone how much they mean to you. (Verpasse keine Gelegenheit jemandem zu sagen wieviel er / sie Dir bedeutet.)

4. Light will always destroy darkness. (Licht wird Dunkelheit immer zerstören.)

5. The world is full of nice people. If you can’t find one, be one. (Die Welt ist voller netter Menschen. Wenn Du keinen finden kannst, sei einer).

6. Go listen to some music and cherish the fact that you’re alive. (Höre Dir ein bisschen Musik an und wertschätze die Tatsache dass Du lebst.)

Jazz up your life,

Peter Kahlenborn

Eckdaten Konzert 23.10.2017

Montag, 23. Oktober 2017 | Konzertbeginn: 20:00 h | Adresse: Greesbergerstr. 11 a in Köln | Eintritt frei – Spenden willkommen. Die Veranstaltung auf Facebook.

 

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