»Drum Meditation« – was ist das und wofür?

Musikschule, Besuch vom Lokalradio: »Du hast Dir das Schlagzeug sicher ausgesucht, weil man da so richtig draufhauen kann?« Darauf mein 8-Jähriger Schüler: »Nein, weil das Schlagzeug so schöne Töne macht!« Eine wunderbare »Drum-Meditation« Kurzbeschreibung!

Inhaltsverzeichnis

Die Frage der Reporterin sagt ähnlich viel über das immer noch weit verbreitete, einseitige Schlagzeug-Bild vieler Menschen aus, wie der irreführende Name. »Schlagzeug« ist weit mehr als »Zeug schlagen«.

Außerdem impliziert die Frage, Schlagzeug sei eher was für Jungs. Das ist weder historisch richtig, noch entspricht es der Realität der Musikszene heute. Antiken Abbildungen zufolge wurde bspw. die biblische »Tof« (Rahmentrommel) überwiegend von Frauen gespielt.

Die internationale Jazz-, Rock-, Pop- und Klassik-Szene bringt schon immer bemerkenswerte Schlagzeugerinnen hervor, Tendenz steigend. Ich selbst durfte mehrfach mit inspirierenden, wegweisenden Schlagzeugerinnen wie Robyn Schulkowsky zusammenzuarbeiten.

Und die Annahme, Jungs liebten per se Krach, widerspricht meiner inzwischen 35-jährigen Erfahrung als Musikschullehrer. Demnach sind sowohl Jungs wie Mädels ausgesprochen individuelle Wesen, und gleichermaßen vielseitig veranlagt.

»Schlagzeug« ist eine Familie

Was auch nicht jedem klar ist: »Schlagzeug« ist eine Großfamilie. Der Fachbereich umfasst klassischerweise eine Vielzahl von Instrumenten.

Dazu gehören Stabsspiele wie Vibrafon, Marimba und Glockenspiel. Aber auch Perkussion-Instrumente wie Conga, Bongo, Rasseln, Kuhglocke und Holzblocktrommel oder gestimmte Perkussion wie Tubular Bells. Nicht zu vergessen Orchesterinstrumente wie Pauke, kleine Trommel (Snare) oder Konzert-Becken. Um nur mal ein paar Klassiker zu nennen.

Instrumente wie Tabla (Indien) oder Djembé (Afrika) gehören inzwischen fast zum Standardrepertoire. Auch Eigenbauten, oft gezielt für neue Kompositionen entworfen, sorgen immer wieder für neue Inspiration. Und alleine die vielen Neuentwicklungen im Cymbal-Bereich (Schlagzeug Becken) sind eine schöne-Töne-Welt für sich.

Was man hierzulande gemeinhin unter »Schlagzeug« versteht, ist, was Schlagzeuger Drum-Set, Drum-Kit, Trap-Set oder auch kurz »Traps« nennen. Das ist gerade mal 130 Jahre alt. Für ein Instrument musikhistorisch gesehen ein eher jugendliches Alter.

Liebeserklärung Drum-Set

Aber auch das Drum-Set an sich ermöglicht ein vielfaches mehr an Klängen, als den vermutlich meisten Hörern bewusst ist. Und das Spektrum wird ständig durch innovative Ideen seiner Nutzer erweitert.

»Schöne Töne« ist wunderbar treffend gesagt. Diese Welt der faszinierend schönen Töne überrascht mich immer wieder. Im Grunde jedes Mal neu, wenn ich mich an mein Instrument setze. Auch nach 50 Jahren »Schlagzeug-Abo« gibt es immer was zu entdecken.

Aber ich liebe das Schlagzeug nicht nur wegen der musikalischen Möglichkeiten. Über die Musik hinaus ist »Schlagzeug« für mich zu einer Art Raum für Kontemplation geworden. Schlagzeug spielen hilft auch, mich Selbst ständig wieder neu zu entdecken.

Schlagzeug spielen ist tatsächlich meditativ und führt, entsprechend sensitiv bespielt, nahezu zwangsläufig einer zutiefst beglückenden, inneren Ausgeglichenheit.

Music taught me about life, not the other way around.

Sophia Rosoff | Gründerin der »Abby Whiteside Foundation«

Foto Sophia Rosoff by Sarah Deming

Schönheit hören

Aber können Schlagzeug-Solo-Töne so schön sein, dass sich auch Nicht-Schlagzeuger tief inspiriert fühlen? Nun, ich habe irgendwann angefangen, mein Privatvergnügen »Drum-Meditation« mit anderen Menschen zu teilen. Zunächst nur im Freundeskreis, und nur vereinzelt auf öffentlichen Bühnen.

Ein endgültiger Beweis dafür, dass sich auch »der gemeine Zuhörer« durch die Erfahrung Schlagzeug-Solo verändert fühlt, war für mich Kenny Wollesen’s Projekt »Sonic Massage«. Jeff Ballard, Robyn Schulkowsky, Joey Baron, Kenny und ich bespielten Besucher der Bundeskunsthalle Bonn mehrere Tage in Folge mit einer »Massage« aus Klängen.

Das Angebot stieß bei Jung und Alt, vom Schüler bis zur Stiftungsvorsitzenden über den Bühnentechniker bis zur Bäckereifachverkäuferin auf gleichermaßen großes Interesse. Die differenzierten Rückmeldungen von »Konzertbesuchern« aus allen Teilen der Gesellschaft waren berührend. Viele entdeckten beglückt das eigene, im obigen Sinne unbedarft kindliche Hören wieder.

Die Erfahrung zeigt: alles, was es dazu braucht ist eine Atmosphäre, die gezielt zum bewusst Musikerleben einlädt. Das intuitiv spielerische und der akustische, handgemachte Sound schaffen eine besonders intime Verbindung zwischen Musiker und Hörer: Gemeinsames Musikerleben und pures im Moment sein.

An der Musik entlang

Das »klassische Schlagzeug Solo« ist, als lediglich Teil eines Musikstücks, an ein gleichmäßig durchlaufendes Tempo gebunden. Es folgt der Vorgabe des jeweiligen Songs oder der Komposition allgemein. »In time«, wie Fachleute sagen. Dramaturgisch gesehen kommt ihm eine Höhepunkt-Funktion zu. Dementsprechend intensiv ist es – oft verbunden mit Lautstärke. Es zieht einen dabei nicht unbedingt auf die Yogamatte.

»Drum Meditation« hingegen bedeutet: exklusiv Schlagzeug / Perkussion Solo. »Solo-Solo«, wie der fantastische Schlagzeug-Kollege Christian Thomé zu sagen pflegt.

In Dynamik und Tempo ist »Drum-Meditation« frei, ähnlich einem improvisierten Piano-Intro im Jazz. Das Schlagzeug wird bewusst von seiner Rolle, überwiegend durch automatisches Fuß-mitwippen zu animieren, befreit. Es darf auf andere, vielseitigere Art bewegen.

Dabei führen Rhythmus, Melodie- und Harmonieelemente ein gleichberechtigtes Nebeneinander-Dasein. »Stilistische« Einschränkungen gibt es nicht. Als Spieler kann ich in der »Drum-Meditation« konsequent meiner Intuition folgen. »Drum-Meditation« fordert diese Authentizität sogar ein.

Im Mittelpunkt der Musik steht ausschließlich die Musik: Schlagzeug an der Musik entlang.

»Sonic Massage« mit Kenny Wollesen

Klassische Musizierauffassung

Diese rhythmisch-dynamische Freiheit entspricht im Grunde einer ganz traditionellen Musizierauffassung. Wie etwa der Freiheit eines Pianisten, eine vorgegebene Komposition zu gestalten.

So, wie Artur Rubinstein das tut, wenn er bspw. Chopins »Nocturne op 9 No 2« zu Gehör bringt. Ein wahrer Meister. Die Musik ist ständig in Bewegung – niemals statisch. Sie klingt so natürlich, als würde sie ihm gerade im Moment einfallen.

»Drum-Meditation« bedeutet auch, die klassische Groove-Definition bewusst zu einem allgemeinen »im Fluss sein« zu erweitern. Was auch immer vom Spieler intuitiv als Fluss erlebt wird.

Für die Seele des »modernen«, stressgeplagten Menschen erweist sich gerade das spontan lebendige dieser Musizierart als heilender Balsam.

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»Gesundmacher« Schlagzeug

Aber »Drum-Meditation« hat noch einen zweiten, nicht unwesentlich beteiligten Gründervater. »Drum-Meditation« ist auch Ergebnis eines persönlichen Genesungsprozesses. Vor einigen Jahren musste ich schmerzlich erfahren, dass Schlagzeug spielen auch gesundheitsschädlich sein kann.

Ich hatte massive Hüft- und Bandscheiben Probleme, und litt unter Muskelverspannungen bis hin zu Taubheitsgefühlen. Nach anfänglich immensem Frust habe ich schnell festellen können: Ich bin kein Einzelfall. Es passiert den Besten. Eines meiner frühen Idole musste die Drum Sticks sogar für immer an den Nagel hängen: der begnadete Schlagzeuger, Songwriter und Sänger Phil Collins.

In »Anatomy of Drumming« zitiert Autor John Lamb eine Studie des renommierten »Berklee College of Music«. Darin geben 78 % der Studenten an, unter spielbedingten Schmerzen, Unwohlsein und Taubheitsgefühlen zu leiden.

Eine Studie der »International Conference of Symphony and Opera Musicians« ergibt, dass 76 % der befragten Musiker und Musikerinnen über mindestens ein musizierbedingtes Problem klagen. 36 % geben an, unter bis zu 4 Symptomen gleichzeitig zu leiden. Aber ich war mir sicher, das muss auch anders gehen.

In einer polaren Welt aus plus und minus, männlich und weiblich, Tag und Nacht, muss man auch so Schlagzeug spielen können, dass es gesund macht, statt krank. Herauszufinden, wie das funktioniert, und anderen mit meinen Erkenntnissen zu helfen, wurde fester Bestandteil meines Berufs als Musiker.

Foto by Gianni Crestani

Schlagzeug und Tai-Chi

Einige Jahre lang habe ich viel Zeit in den Praxen von Ärzten und Therapeuten verbracht. Ich habe viel gelernt, und verschiedene, sehr gute Therapieformen kennengelernt. Zu den wichtigsten gehören die Übungstherapie »Mensendiek« (NL), Physiotherapie, Massagen, Kiesertraining, Alexandertechik, Neuraltherapie und Kriya-Yoga.

Unterm Strich kam ich zu der Erkenntnis: nachhaltig heilen kann ich mich nur selber. Dazu muss ich das tun, was Menschen wie Frederick Matthias Alexander und Begründer ähnlich genialer Konzepte getan haben: Er hat, ausgelöst durch eigene Probleme, seine eigene Therapie entwickelt: perfekt auf sein Leiden und seinen Beruf zugeschnitten. Und im Grunde lebenslang immer wieder optimiert – mittels Ausprobieren, (Selbst-) Erfahrung, Praktizieren und persönlicher Weiterbildung.

Ich begann langsam, mit vorsichtigen, zeitlupenartigen Bewegungen, und landete bei einer einzigen Regel: »Geübt und gespielt wird ausschließlich, was ich entspannt und schmerzfrei ausführen kann«. Schlagzeug spielen wurde zu meiner »Drum-Meditation« – Tai-Chi am Instrument sozusagen. Aus »gut« und »richtig« machen wurde zuhören, aus »wollen« intuitives führen lassen, und aus »Schlagzeug« Musik.

Publikumsnah

Den endgültigen Anstoß, mein persönliches Glück regelmäßig zu teilen, gab der Kommentar einer Konzertbesucherin: »Die Musik ist ja schön. Schade nur, dass man immer auf diesen unbequemen Stühlen hin und her rutscht. Da kann man gar nicht richtig genießen«.

Das brachte mich auf eine Idee. Warum nicht »Schlagzeug-Erleben auf der Yoga-Matte«? Und, statt ausschließlich punkt 20 h im Konzertsaal, möglichst jederzeit, am besten noch Zuhause.

Zurzeit teile ich regelmäßig Auszüge aus längeren Improvisationen, quasi »neueste Forschungsergebnisse aus dem Labor der schönen Töne«. Persönliche Klangerfahrungen, die mir helfen, die Sinne zu verfeinern und ständig meinen Horizont ständig zu erweitern. Internet und Home-Recording machen das Teilen authentischer Glücksmomente im Heimstudio einfach.

Längere Hörepisoden sind in Arbeit. Ein junger Filmemacher plant einen »Drum Meditation« Film in Kombination mit eigenen Filmsequenzen. Erste Video- und Audioaufnahmen fanden bereits statt.

Foto Gerhard Richter

Zurück ins Herz der Gesellschaft

Getrommelt wird vermutlich, seit es Menschen gibt. Ob zum Tanzen, zum Zweck der Kommunikation, der Heilung oder einfach, um sich mit der Quelle des Seins zu verbinden – Trommeln haben traditionellerweise einen festen Platz in unserem Leben, kulturübergreifend. »Drum-Meditation« ist mein Beitrag, der Trommel ihren natürlichen Platz im Herzen gesellschaftlichen Lebens zurückzugeben.

Möglichst zum Anfassen, und live gespielt. »Anything like straight out to the people« – wie Bassist Stanley Clarke, ein anderes frühes Idol, über den Ansatz des Bassisten, Sängers und Produzenten »Thundercat« sagt. Ohne ein Künstler und Hörer trennendes, überwiegend Profit orientiertes Musikbusiness zwischen beiden. Meiner Auffassung nach das Konzept von Musikern und Musikerinnen der neuen Zeit.

Nachfolgend eine Playlist mit »Drum-Meditation« Hörbeispielen.

Drum-Meditation Playlist

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