»Vesica Pisces« – was der unaussprechliche CD Titel bedeutet

Warum ich als CD Titel einen Zungenbrecher wie »Vesica Pisces« gewählt habe, ist eine gute Frage! In diesem Beitrag erläutere ich, was es damit auf sich hat, und warum ein jahrtausendealtes Symbol mich so fasziniert!

Wenn Hörer unsere Trio-CD das erste Mal in der Hand halten, reagieren viele mit einem überraschten: »Ach wie schön – ist das Cover gemalt?« – gefolgt von einem vorsichtigen: »Vesi … ähm, was heißt das?« Zugegeben, der Begriff »Vesica Pisces« ist heutzutage wohl nur wenigen geläufig. Vieles allerdings deutet darauf hin, dass das schon mal ganz anders war.

Mathematische Definition

Aber ich fange mal von vorne an: mit der mathematischen Definition.

»Vesica Pisces« (dtsch.: Fischblase) nennt man in der Geometrie die Form, die entsteht, wenn sich zwei Kreise mit gleichem Radius so überschneiden, dass der Mittelpunkt des einen auf der Kreislinie des anderen liegt. Also das entstehende Oval, bzw. die Schnittmenge der beiden Kreisflächen. Man spricht übrigens »We-si-ka Pis-zes«, oder auch »We-si-ka Pis-kes«.

Weltweit verbreitetes Symbol

Weltweit, und kulturübergreifend wird die »Vesica Pisces« als Symbol für das (geboren) »Werden«, oder auch das Stadium des Übergangs vom Geistigen zum Weltlichen verwendet. Oder anders ausgedrückt: als die Schnittstelle zwischen Schöpferkraft und Materie. Um authentische Informationen zu bekommen, habe ich mehrere Jahre recherchiert, viel gelesen, mir Vorträge angehört und mehrere Reisen unternommen. Dazu gleich mehr.

Einige der Bücher, die mir dabei »zugeflogen« sind, liefern eine Vielzahl inspirierender, erstaunlich aktueller Denkanstösse zu aktuellen, gesellschaftlichen Themen. Besonders der Bezug zu heute hat von Anfang an mein Interesse geweckt. Wer mehr über diese inspirierenden Quellen wissen möchte, findet weiter unten eine ausführliche Literatur- und Medienliste.

Ein universelles Prinzip

Manch »antiquiertes« Konzept liefert erstaunlich klare, und dabei wissenschaftlich fundierte Erklärungen zu so genannt »esoterischen« Themen. Ich spreche von Intuition, (über-) sinnlicher Wahrnehmung, »Bauchgefühl« und ähnlichem. Phänomene, die wir zwar alle kennen, mit denen »der moderne Mensch« sich oft aber trotzdem schwertut: Wir denken gerne »logisch«. Worte wie »Logo« und »logisch« sind für viele von uns fester Bestandteil des täglichen Sprachgebrauchs.

Im Laufe meiner Studien ist mir schnell klar geworden, dass in vielen Kulturen völlig anders gedacht und gefühlt wird. Oft in einer Art und Weise, die meinem Empfinden viel näher steht. Dass zwischen Symbolik, Klang und Schwingung Verbindungen bestehen, ist in anderen Kulturen selbstverständlich.

Hier ist die »Vesica Pisces« Symbol eines universellen Wachstumsprinzips, das sowohl für die Physik, als auch Mathematik, Architektur, Kunst, Musik und Metaphysik gleichermaßen bedeutend ist.

Die Welt ist Klang

Spätestens seit Joachim-Ernst Berendts Bestseller »Nada Brahma« wissen Musikinteressierte, dass die Welt nach östlicher Traditionen aus Klang (Schwingung) besteht: Alles ist ständig in Bewegung, auch wenn wir das mit bloßem Auge gar nicht wahrnehmen. Neurowissenschaftler haben festgestellt, dass ein Objekt unserem Auge sogar umso unbeweglicher erscheint, je schneller es schwingt.

Das Konzept passt durchaus zu unserer Alltagswahrnehmung? Wir alle kennen diesen Autoreifen Effekt aus Filmen: Je schneller das Auto fährt, desto mehr wirken die Reifen wie eine stehende Fläche?

Steine gelten in unserem westlichen Denken sprichwörtlich als Inbegriff von Bewegungslosigkeit. Die längst wissenschaftlich belegte Realität jedoch ist, dass Gestein sich aus rasend schnell schwingenden Atomen, und die aus wiederum noch kleineren, noch schneller schwingenden Partikeln zusammensetzt.

»Vesica Pisces« im Alltag

Aufmerksame Beobachter finden die »Vesica Pisces« auch im eigenen Umfeld. Sie ist in nahezu allen Bereichen unseres täglichen Lebens zu finden. Das erste Wachstumsstadium, das wir auf dem Weg von der Zelle zum Menschen durchlaufen, ist eine »Vesica Pisces«. Sie bildet den Moment ab, indem die befruchtete Eizelle sich zum ersten Mal teilt. Die (weibliche) Öffnung, durch die wir später in diese Welt geboren werden, hat ebenfalls die Form einer »Vesica Pisces«.

Basis der Bildschirmdarstellung

Selbst in Bereichen, in denen ich das nie vermutet hätte, hat die »Vesica Pisces« ihren festen Platz: bspw. in der Hightech Welt. Sogenannte Fraktale spielen für die Bildschirmdarstellung unserer Computer eine entscheidende Rolle. Sie machen die grafische Darstellung heutiger Computerspiele und Videos überhaupt erst möglich. Beobachtet das Entstehen solcher Fraktale, sprudeln einem die Fischblasen nur so entgegen. Anschaulich beobachten lässt sich das bei der Betrachtung eines wachsenden Blumenkohls im Zeitraffer. Oder indem man die Kreismuster betrachtet, die um ihren Kern rasende Atome bilden.

Auch in der Konstruktion antiker Bauwerke, auf alten Häuserfassaden und in alten Kirchenfenstern ist die »Vesica Pisces« zu finden. Überall, wo »Geist« konstruiert, scheint ohne sie nichts möglich.

Eigene Recherchen und Reisen

Je mehr ich mich damit befasst habe, desto mehr hat mich das Thema fasziniert. Auf der Suche nach authentischen Quellen bin ich auf sogenannt »indigene« Kulturen und ihre Traditionen gestoßen.

Höhepunkte waren Reisen zu den Hopis (Diné), den »Indianern« des nordöstlichen Arizonas (USA) und den Sami, einem der letzten indigenen Völker Europas. Die Sami leben im Norden Schwedens und den angrenzenden Regionen Norwegens und Finnlands.

Aufgrund verschiedener, sehr persönlicher Begegnungen mit einheimischen Musikern und einer der Führungspersönlichkeiten der Sami war eine Lapplandreise mit den Sängerinnen Anna Lindblom (SWE) und Mariana Sadovska (UA) besonders intensiv. Innerlich tatsächlich zum Schwingen gebracht haben mich die samischen Schamanentrommeln mit ihren magischen Zeichnungen, den sogenannten »Lappenzeichen«. Beides sind zweifelsohne Wahrzeichen der samischen Kultur. Die Schamanentrommel öffnet traditionell dem Schamanen das Tor in »die andere Welt«. Bis heute wird sie in Form einer »Vesica Pisces« gefertigt.

Symbol und Schwingung

Nach Überlieferung indigener Völker schwingt nicht nur der Mensch oder das Wesen, für das ein Symbol steht, sondern auch das Symbol selbst. Aus diesem Grund kann es Kraft entfalten, Energie ausstrahlen und eine Wirkung übertragen, gleich dem Original. Auch dann, wenn es »nur« zeichnerisch oder plastisch dargestellt wird.

Oval geformt sind auch viele der von Hopis (Diné) gefertigten Schmuckstücke – zum Teil sehr kunstvolle Handarbeiten. Auch in Zeichnungen und Felsenmalereien habe ich dort immer wieder eine »Vesica Pisces« entdeckt.

»Joik« – Gesangskunst der Sami

Sehr fasziniert hat mich die mystische Gesangskunst der Sami, ihr »Joik«. Für die Sami ist jeder »Joik« ein lebendiges, spezifisches Wesen. Ein »Joik« ist nicht einfach nur eine inspirierende Melodie. Einen Satz habe ich übereinstimmend immer wieder gehört: »Der Joik wird nicht etwa für eine Person gesungen, oder steht stellvertretend dafür. Der »Joik« einer Person ist diese Person«. Selbst das Wesen eines bereits verstorbenen Mitglied der Gemeinschaft kann in seinem »Joik« weiterleben. Aber der »Joik« kann auch das Wesen eines Tieres, einer Landschaft oder anderer Dinge sein.

Der Zusammenhang zwischen Gegenstand, Wesen und Schwingung scheint mir auch mit unserer geschätzten Logik durchaus nachvollziehbar: Jeder hat vielleicht schon mal eine bestimmte Farbe als etwas spezifisch ausstrahlendes empfunden? Man fühlt sich von einem Bild besonders angezogen, oder einer bestimmten Musik. Man findet den einen Menschen auf Anhieb sympathisch, und einen anderen nicht. Neudeutsch sprechen wir von den »Vibes« eines Menschen, eines Ortes oder einer Musik. Jeder, der beim Betreten eines Raumes schon mal beklemmende Gefühle hatte, versteht, dass alles um uns herum auf die ein oder andere Art und Weise »schwingt«?

Musikempfehlungen

Einsteigern empfehle ich beispielsweise den Sänger Wimme Saari – hier ein Video mit historischen Bildern und typischen Sami Symbolen. Außerdem die Joik Sänger Lars-Ánte Kuhmunen (CD »Birrasis«) oder Johan Sara, hier im Konzert mit Gitarrist Eivind Aarset (Norwegen). Zu den international bekanntesten Stimmen der Sami gehört die faszinierende Musikerin Marie Boine.

Eine der besten Gelegenheiten, authentischen »Joik« zu erleben, ist wahrscheinlich der jährlich stattfindende Sámi Grand Prix in Kautokeino. Das öffentliche Festival ist sicher einen Besuch wert!

Besuch beim Schamanen Per Simma

Nachhaltig beeindruckt hat mich die Begegnung mit Per Simma, unter den Sami eine respektierte Persönlichkeit von hohem Ansehen. Selten ist mir ein Mensch mit ähnlich wachem Verstand und einer so natürlichen Autorität begegnet: offen, zugewandt, aufmerksam, wertfrei in seinem Urteil, und in jeder Hinsicht authentisch. So stelle ich mir einen Menschen vor, zu dem das Wort »Führungspersönlichkeit« wirklich passt. 

Per Simma genießt international einen Ruf als erfolgreicher Heiler und Schamane: Menschen aus aller Welt reisen in die Abgeschiedenheit des nördlichen Schwedens und finden hier Hilfe. Per Simma selbst steht Bezeichnungen wie »Schamane« oder »Heiler« skeptisch gegenüber. Heilen, so betont er, kann sich der Mensch nur selbst, und nur durch die Kraft des »Schöpfers«. Sein Wissen, so erklärt er, hat er vor allem aus Beobachten der Natur gewonnen.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die (sinngemäße) Aussage: »Ich bin nichts Besonderes. Alles, was ich weiß, kann jeder andere Mensch durch einfaches Beobachten lernen«.

Herzlichen Dank an Per Simma für die geduldige Beantwortung unserer Fragen. Besonderer Dank gilt auch der Sängerin Yana Mangi Sundgren aus Kiruna, die unseren Besuch bei Per Simma erst möglich gemacht hat.

Vom Symbol zum Titel

Als auf das intuitive Improvisieren fokussierter Musiker konnte ich mir für die erste CD unter eigenem Namen keinen passenderen Titel vorstellen: ein jahrtausendealtes Symbol für die Metamorphose von Geist (Idee) in Materie. Jenen Moment, in dem wir »Intuition« erfahren, und uns »die Muse küsst«. Für genau die Erfahrung, die Fans und Musiker improvisierter Musik so außerordentlich fasziniert.
Der Titel »Vesica Pisces« ist eine Hommage an ein Symbol, das uns Menschen seit Jahrtausenden begleitet, und quasi Vulva, durch die unsere Musik geboren wird.

Indigenes Wissen in unserer Kultur

»Indigenes Wissen« ist auch in unserem Kulturkreis bis heute präsent. Quellen wie das Symbol Dictionary davon, dass der Fisch als Symbol der Urchristen eine Darstellung der »Vesica Pisces« ist.

In der Eifel und im Taunus praktizieren bis heute traditionelle Heiler. Allerdings gehen sie mit ihren Kenntnissen nicht hausieren. In der Regel nehmen sie kein Geld, und werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda weiterempfohlen. Interviews des Autors Walter Hanf mit dem Pflegepersonal von Krankenhäusern offenbaren, dass ihre Hilfe nicht nur von Patienten, sondern auch von Geistlichen und Ärzten in Anspruch genommen.

Weiterführende Literatur mit Patientenberichten, Heilungsverfahren und Interviews findest Du ebenfalls in meiner Literatur- und Medienliste. Bitte hier klicken zu meiner Literatur- und Medienliste.

Du hast eine Frage?

Inhaltsverzeichnis