Wieso eigentlich »Vesica Pisces«?

Ein Zungenbrecher als CD Titel

Wieso eigentlich »Vesica Pisces«?Wenn Hörer unsere CD zum ersten Mal in der Hand halten reagieren sie meist mit einem: »Ach wie schön. Ist das Cover gemalt?«, gefolgt von einem vorsichtigen: »Vesica ... ähm, wie spricht man das?«

Zugegeben - ein weder im Sprachgebrauch geläufiger noch selbsterklärender Begriff: Aber mir ist kein anderes, global so verbreitetes Symbol wie die Vesica Pisces bekannt, dass das Wesen Improvisierter Musik dermaßen im Kern trifft.

Aber am besten, ich fange mal Vorne an.

»Vesica Pisces«  (dtsch.: Fischblase) nennt man die Form, die entsteht, wenn sich zwei Kreise mit gleichem Radius so überschneiden, dass der Mittelpunkt des einen auf der Kreislinie des anderen liegt. Man spricht »We-si-ka Pis-zes«.

Die Vesica Pisces ist ein weltweit, kulturübergreifend verbreitetes Symbol für die Begegnung des Weltlichen mit dem Göttlichen. Nach allem, was ich inzwischen durch Recherche, Reisen und Literatur erfahren habe, erstaunt mich das nicht. 

Wieso eigentlich »Vesica Pisces«?

Einige der Bücher, die mir »so zugeflogen« sind liefern inspirierende Denkanstösse zu brandaktuellen, gesellschaftlich relevanten Themen. Das macht neugierig. 

Weiter unten habe ich übrigens eine ausführliche Literatur- und Medienliste zusammengestellt, in der äußerst spannende Bücher zu finden sind. 

Manche davon bieten erstaunlich einfache, gleichzeitig wissenschaftlich fundierte Erklärungen für Intuition, (über-) sinnliche Wahrnehmung und »Bauchgefühl«, Phänomene, deren Präsenz wir »modernen« Menschen zwar deutlich wahrnehmen, mit denen unser verschultes Denksystem sich aber schwer tut: Weil sie sich unserer vermeintlichen Logik schlicht entziehen. 

»Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.«

Hamlet, 1. Akt, 5. Szene, Hamlet, William Shakespeare

Die »Vesica Pisces« stellt eine Art Urprinzip dar. Auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, kommt sie in nahezu allen Bereichen unseres täglichen Lebens vor. Nicht nur im Bereich akustischer Schwingungen, bspw. bei der Darstellung von Schall in Schwingungsbildern ist sie zu finden: Sie markiert auch das erste Wachstumsstadium der Menschwerdung, dann, wenn sich die befruchtete Eizelle das erste Mal teilt. Selbst die Öffnung, durch die wir in diese Welt geboren werden hat die Form einer Vesica Pisces.

https://youtu.be/Mg-N82qhatc

So genannte Fraktale spielen in unserer heutigen Hightech Welt eine entscheidende Rolle. Die grafische Darstellung auf den Bildschirmen unserer heiß geliebten Computer basiert darauf. Beobachtet man Fraktale bei ihrer Entstehung, so sprudeln einem die Fischblasen nur so entgegen (siehe Video).

Ob man einem Blumenkohl im Zeitraffer beim Wachsen zuschaut, die Konstruktionsweise antiker Bauwerke studiert, Häuserfassaden, Kirchenfenster oder ein kreisendes Atoms betrachtet - wo »Geist« konstruiert, scheint nichts möglich ohne die »Vesica Pisces«. Kein Wunder also, dass Menschen das

Symbol von alters her besonders verehren. Als intuitiv agierender, auf das Komponieren im Moment fokussierter Musiker kann ich mir einen treffenderen CD Titel kaum vorstellen: Es gibt einen seit Jahrtausenden verwendeten Begriff für die Metamorphose, die Schnittstelle zwischen Geist (Idee) und Materie, für genau den Moment, in dem wir »Intuition« wahrnehmen!? Ein Symbol für die Erfahrung des Kreativen, für das, was uns als Musiker so besonders fasziniert?

Demnach ist die »Vesica Pisces« also, wie unterschiedlich auch immer in einer Kultur die ursächliche Kraft dahinter genannt wird, die Vulva durch die Musik geboren wird!? Also wenn das keine Extraausgabe wert ist.

Die Vesica Pisces als musikalisches Konzept

Wieso eigentlich »Vesica Pisces«?Wie nun aber lässt sich etwas der Improvisation selbst  inhärentes künstlerisch darstellen? Geht das überhaupt? Wo in der Musik, auf welche Art oder welcher Moment macht das Phänomen für Musiker und Hörer greifbar?

Als Trio haben wir viel sowohl mit Fremd- als auch mit Eigenkompositionen experimentiert und uns gefragt: welche »Spielregeln« gibt die Musik vor? Lassen sich konkrete Prinzipien ableiten? Welche »Tools« erzeugen in welcher Kombination den für unsere Besetzung natürlichsten Spielfluss?

Deutlich war von Anfang an dass sich ein praktikables Konzept nicht erdenken, sondern nur erspielen lässt. Als musikalisch besonders ergiebig hat sich eine ausgewogene Mischung aus fünf Komponenten erwiesen:

1 im Detail auskomponierte, für Jazz Verhältnisse außergewöhnlich komplexe Themen

2 bewusst einfach gehaltene Stücke (Song Charakter)

3 kurze, prägnante, atonal wirkende musikalische Skizzen (kleine Störenfriede)

4 das bewusste Nebeneinander starker Gegensätze (Kontrast)

5 überwiegend freie Improvisationen, die sich natürlich aus den musikalischen Themen entwickeln.

Bis auf ganz wenige Ausnahmen - gezielte Entspannung - wird auf Changes, Jazz typische Akkordfolgen als Improvisationsvorlage ganz verzichtet.

Eigene Recherchen und Reisen

Wieso eigentlich »Vesica Pisces«?Je mehr ich mich damit befasst habe, desto mehr hat mich das Thema fasziniert. Auf der Suche nach authentischen Quellen bin ich auf die so genannten »indigenen« Kulturen und ihre Traditionen gestossen.

Höhepunkte waren Reisen zu den Sami, einem der letzten indigenen Völker Europas, die im Norden Schwedens sowie den angrenzenden Regionen Norwegens und Finnlands leben und zu den Hopi bzw. Diné »Indianern« im nordöstlichen Arizona (USA).

Aufgefallen sind mir die Zeichnungen der Sami, so genannte »Lappenzeichen«, wie sie auch auf der Schamanentrommel, einem der kulturellen Markenzeichen der Sami zu finden sind. Sie öffnet dem traditionellen Schamanen das Tor in »die andere Welt« und wird bis heute in Form einer Vesica Pisces gefertigt.

Ebenfalls viele von den Hopi und Diné handgefertigten Schmuckstücke sind oval geformt - auch in ihren Zeichnungen und Felsenmalereien habe ich sie immer wieder entdeckt. Aber um kunstvolle Darstellungen der Vesica Pisces zu bestaunen braucht man gar nicht erst weit zu reisen! Ein Besuch des Kölner Doms reicht völlig aus. Auch in unserem Kulturkreis findet man die Form überall. Ich komme gleich darauf zurück.

Nach überliefertem Wissen östlicher Traditionen besteht die Welt aus Klang (Schwingung). Demnach ist alles ständig in Bewegung, sogar Objekte, deren Bewegung wir mit bloßem Auge gar nicht wahrnehmen. Wissenschaftler haben inzwischen herausgefunden, dass ein Objekt unserem Auge sogar umso unbeweglicher erscheint je schneller das Objekt schwingt.

Dazu fällt mir spontan der aus Filmen bekannte Autoreifen Effekt ein: man sieht den stehenden Reifen obwohl das Auto fährt. Ein gerne angeführtes Beispiel sind Steine - für uns der Inbegriff der Bewegungslosigkeit: »Regungslos wie ein Stein«. Aber von wegen: Die inzwischen wissenschaftlich belegte Realität ist, dass Gestein sich aus rasend schnell bewegenden Atomen und noch kleineren, wesentlich schneller schwingenden Partikeln zusammensetzt.

Nicht nur das: Nach Vorstellung indigener Völker schwingt auch die Zeichnung eines Symbols. Darum kann es kann Kraft entfalten, ausstrahlen und seine Wirkung auch dann übertragen, wenn es nur zeichnerisch dargestellt wird.

In diesem Sinne - so habe ich verstanden - kann auch ein gesungener Joik eine Person sein und ein ihm eigenes Wesen haben. Mir erscheint diese Vorstellung durchaus schlüssig: Jeder, der schon mal eine Farbe als etwas spezifisches »ausstrahlend« empfunden hat, sich von einem Bild angezogen fühlte, eine Person aus »unerklärlichen« Gründen attraktiv fand oder beim Betreten eines Raumes beklemmende Gefühle hatte wird das problemlos nachvollziehen können?

Vesica Pisces - die Allgegenwärtige

An den Samis habe ich besonders ihre einzigartige Musik, den Joik schätzen gelernt. Unbedingt empfehlen kann ich den Sänger Wimme Saari - hier ein Video mit historischen Bildern und typischen Sami Symbolen.

Außerdem die Joik Sänger Lars-Ánte Kuhmunen (CD »Birrasis«) oder Johan Sara, hier im Konzert mit Gitarrist Eivind Aarseten (Norwegen). Zu den wohl bekanntesten Stimmen der Sami gehört die Musikerin Marie Boine.

Wenn man sich nicht die Mühe machen will, authentische Joik

https://youtu.be/0JNrFlPRQdQ

Sänger draußen bei ihren Rentierherden aufzusuchen, hört man den ursprünglichsten Joik im Rahmen des jährlich stattfindenden Sámi Grand Prix. Das Festival ist öffentlich, und ein Besuch lohnt sich!

Definition von »Führungskraft« in einer anderen Kultur

Nachhaltig beeindruckt hat mich die Begegnung mit Per Simma, eine der samischen Führungspersönlichkeiten. Selten vorher ist mir jemand mit einem so wachen Verstand begegnet. So zugewandt, aufmerksam, unbestechlich und in jeder Hinsicht authentisch stelle ich mir jemanden vor, auf den die Bezeichnung»Führungskraft« innerhalb einer Gemeinschaft zu 100% zutrifft. 

Per Simma hat sich international einen Ruf als erfolgreicher Heiler und Schamane erworben, und erhält Besuch von Menschen aus aller Welt. Er selbst lehnt diese Bezeichnungen allerdings ab. Heilen kann nach seiner Auffassung kann nur »Der Da Oben«. Sein (»Heil-«) Wissen hat er vor allem durch Beobachtung der Natur gewonnen.

Hängengeblieben ist mir vor allem eine Aussage die ich leider nur sinngemäß wiedergeben kann: »Ich bin in keiner Weise besonders. Alles was ich weiß ist für jedermann durch einfaches Beobachten erfahrbar«.

Herzlichen Dank an Yana Mangi Sundgren (Musikerin) die diesen Besuch ermöglicht hat.

Vesica Pisces - indigenes Wissen in unserer Kultur

»Indigenes Wissen« ist auch in unserem Kulturkreis bis heute präsent. Beispielsweise gehen Quellen wie das  Symbol Dictionary davon das der Fisch als Symbol der Urchristen eine Darstellung der »Vesica Pisces« ist.

In der Eifel und im Taunus praktizieren bis heute traditionelle Heiler. Allerdings gehen sie mit ihren Kenntnissen nicht hausieren. In der Regel nehmen sie kein Geld, und werden nur durch Mund zu Mund Propaganda weiterempfohlen. Wie Interviews des Autors Walter Hanf mit Ärzten und Krankenschwestern offenbaren, wird ihre Hilfe aber nicht nur von Patienten, sondern, wenn auch nur inoffiziell, auch von Geistlichen, Ärzten und Krankenhäusern in Anspruch genommen.

Weiterführende Literatur inklusive Patientenberichten, Heilungsverfahren und Interviews mit einheimischen Heilern findest Du ebenfalls in meiner - und hier kommt der Link - persönlichen Literatur- und Medienliste: